Nachbetrachtung Wandelkonzert

14.06.2019 0 Von Robby

Klangerfülltes Waldbaden

Wandelkonzert am Beuchaer Steinbruch zog mehr als 200 Neugierige an

Sonntag, 2. Juni, 16 Uhr, Bergkirche Beucha. Selbst im Schatten zeigt das Thermometer 32 Grad. Trotz der Hitze haben sich mehr als 200 Menschen versammelt an der Kirche, die hoch über dem Beuchaer Steinbruch thront. Fächelnd und lächelnd stehen sie allein, zu zweit oder in Grüppchen im Rund auf der Wiese und lauschen dem Chor „Zwischentöne“. Der hat sich mit seiner Leiterin Cornelia Schneider links und rechts des Weges hoch zur Kirche aufgebaut und das Publikum als lebendiges Spalier empfangen. Eine Premiere für die Gäste, denn wer von ihnen hatte schon einmal die Gelegenheit, durch einen singenden Chor hindurch zuwandern?

Der Chor musiziert im Wechselspiel mit Atonor – einer jungen Gruppe, die sich im Nachbarort Brandis einst als schulische AG gegründet hatte und längst über die regionalen Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat mit ihrem originellen Spiel auf akustischen und elektronischen Selbstbauinstrumenten. Heute klöppeln die jungen Leute so mitreißend auf Blumentöpfen, dass Hunderte Füße und Köpfe im Nu begeistert mitwippen. Da setzen von Ferne Trompetenklänge ein. Hinter der Kirche spielt Oliver Pitt über das Wasserherz von Beucha hinweg ein Duett mit den Steinbruchwänden. Auch den Nacktschwimmer, dort weit unten, im See, scheint der musikalische Dialog von Bläser und Echo zu entspannen: Zunehmend langsamer und fließender zieht er seine Bahn von einem Felsufer zum anderen. Das Echo verklingt, die Gesellschaft zieht fächelnd und lächelnd weiter – ein halbes Rund um die Kirche. Denn dort rufen die Klänge einer Spieluhr. Doch nein, es ist Frances Falling, die auf einem Hometrainer sitzt, in die Pedale tritt, damit eine Art Drehorgelmusik erzeugt und sich so selbst beim Gesang ihres Liedes begleitet. Das Fächeln und Lächeln der Zuhörenden nimmt zu. Nach dem Applaus spricht Erwin Stache. Der Initiator, künstlerische Leiter und Kompositeur der Bläserparts des „Wandelkonzert um den Kirchbruch“ deutet an, was die Wandelgäste auf dem bewaldeten Rundpfad noch erwarten dürfen. „Tückische Wurzeln im Waldboden, Enge, Absperrbänder, eskortierende Lebensrettungsgesellschaft, Kulturhaus Beucha e. V.“ fielen als Stichworte. Aber auch „ein baufälliger Torbogen, den man unbedingt nur rückwärts und dabei seinen Vornamen rückwärts aufsagend begehen sollte“, und vielfältige Klänge – aus Posaune, Trompete, Saxophon, Flöte, Regalglocken, Scherengittern, Telefonwählscheiben, begleitet von Gesang und Vokalimprovisationen, „würdig ausklingend mit einer „Musik-Parade“, die zum Kulturhaus Beucha führen wird, wo es Schatten, Toiletten, erfrischende Getränke und Gespräche gibt.“

Und genauso, wie Erwin Stache es angekündigt hatte, kam es auch. Nur noch viel schöner, sagten die, die dabei gewesen sind. Weil Fernando Günther sich mit seiner Posaune aufs Boot schwang und mitten vom See aus die Töne so sphärisch herüberwehen ließ – später im Trio mit Trompeter Oliver Pitt hoch oben an der Kirche und Trompeter Roland Krause auf dem gegenüberliegenden Felsmassiv. Weil Soprane, Altis und Bässe des Chores „Zwischentöne“, einzeln versteckt im Wald und begleitet von Triangel, Becken und Klöppeln, so überraschend und anrührend hinter den Bäumen hervorsangen, dass Zuhörende sich wünschten, sie müsste nicht nebenbei auf die „Wurzeln im Waldboden“ achten. Weil auf der nächsten Lichtung Diana Möhrke und Sebastian Fried mit so großem Spaß dadaistische Vokalisen sangen und innig ins Waldhorn bliesen. Weil Benjamin Stache hoch über dem Publikum – fast in Höhe der Baumwipfel – auf dem ehemaligen Fundament einer Krananlage hockte, und das Scherengitter so sehnsuchtsvoll weinen ließ. Weil sein Atonor-Kollege Ferdinand Störel und Frances Falling alle zum Schmunzeln brachten mit Telefonwählscheiben, die Trommelwirbel erzeugten und biegsamen Metallstäben, die singend mit den Bäumen sprachen. Weil dann, weiter auf dem Rundweg, David Franke derart hingebungsvoll auf dem Saxophon blies, dass alle stehenblieben und durch die ordnenden lebendigen Notenschlüssel zum Weitergehen aufgefordert werden mussten. Weil sich danach auf dem Parkplatz – als wieder ganz neue Erfahrung – ungeplante Techno-Klänge der Beuchaer Jugend mit dem komponiert einsetzenden Kirchengeläut und einem unkomponiert ohrenbetäubenden Froschquaken aus dem Beuchaer See mischten. Und nicht zuletzt: Weil am Ende des Rundgangs die Stache’sche Kuckucksuhrenorgel derart lustvoll pfiff, stöhnte, grunzte, orgelte, und der Chor so authentisch tirilierte, dass keiner wollte, dass das Wandelkonzert jemals aufhört.

Doch alles hat einmal ein Ende. Und einen Anfang. Viele spendeten. Viele schlossen sich der Musik-Parade zum Kulturhaus an. Alle, die dort ankamen, tranken und schwatzten miteinander – im Hof des Kulturhauses, das keines ist. Leider. Sagten viele. Und dass es ein weiteres Wandelkonzert in Beucha geben muss, sagten sie auch – die Beuchaer, die Leipziger, die Gäste von nah und fern.

Micaela  Seiferth-Wilde